Die Bula-Geschichte

Nacht in Sektor IV

Es ist ein angenehmer Tag im Monat Juni des Jahres 2517. Natürlich ist es ein angenehmer Tag – das Klima in deinem Sektor ist durchgängig reguliert, und schlechtes Wetter oder gar Unwetter gibt es seit dem 23. Jahrhundert nicht mehr. Begriffe, die Du nur aus alten Bildtondokumenten kennst. Wie so vieles…
Den ganzen Tag und die halbe Nacht hast Du Dich mit Deinen Freunden getroffen. Nicht tatsächlich, sondern durch das Okular – das Gerät, das Deinen persönlichen Avatar und den Rest der bewohnbaren Welt miteinander verbindet. Du hast mit Freundinnen und Freunde aus anderen Sektoren interagiert, ihr habt kommuniziert, gespielt, zusammen musiziert. Jetzt fühlst du Dich erschöpft und lehnst Dich in Deinem schwebenden Sessel zurück. Du überlegst, ob Du gleich mal eine Dosis Chillaxis nimmst, um einschlafen zu können. Vielleicht aber kommt der Schlaf heute auch ohne künstliche Hilfe, denn Du bist wirklich müde. Du schaltest Deinen Avatar ab und bereitest Dich auf das Einschlafen vor.
Der schwebende Sessel hüllt Dich in angenehme Düfte und beruhigende Musik, als das Okular sich erneut bemerkbar macht. Du hörst eine Stimme. Du kennst sie, kannst sie aber nicht zuordnen. Du merkst nur, dass sie nicht von einem Avatar, sondern von einem „realen“ Menschen stammt. Direkte Kontaktaufnahme, wie unhöflich! Du hörst dieser dünnen, jungen Stimme zu. Zu wem gehört sie? Vielleicht Deiner Schwester, die in der Wohnwabe nebenan wohnt?
„Hallo? Haaaallo? Seid Ihr da?“
Du bist jedenfalls wieder wach. Ob da noch andere sind – keine Ahnung.
„Wir haben doch neulich darüber gesprochen, wie es früher war. Was damals geschehen ist, und wie anstrengend, unvorhersehbar und gefährlich alles gewesen sein muss.“
Du erinnerst Dich an das Gespräch; aber nicht so genau daran, wer alles dabei gewesen ist. Oder worum es eigentlich ging. Du hattest gleichzeitig eine Tridimfilm gesehen, der äußerst spannend war.
„Also, ich hab dann noch weiter geforscht nach diesen … Dingen von früher. Und bin ganz tief in alte Bereiche des Visioversums eingedrungen. Dort, wo wir noch nie interagiert haben. Und dann ist mir etwas begegnet… oder vielleicht auch jemand… eine Anomalie.“
Plötzlich wirst du hellhörig. Das klingt aufregend. Auch wenn du kompliziertes Gerede nicht magst, ein Abenteuer zu erleben wie im Tridim, das wäre eine willkommene Abwechslung.
„Was bedeutet das?“ fragst Du interessiert.
„Das weiß ich nicht genau. Das ist etwas, was ich alleine nicht verstehe. Ich trau’ mich auch nicht ohne euch anderen.“
„Und jetzt?“
„Ich glaube… wir sollten uns treffen! “
Was meint sie (oder vielleicht auch er) – wir sollten uns treffen? Etwa persönlich? Die Sache hört sich langsam echt verrückt an. Also ganz nach Deinem Geschmack.

Anomalie an der Sektorgrenze

Du bist so weit gelaufen, wie du es noch nie getan hast. Zum dritten Mal in kurzer Zeit bist du an die äußeren Grenzen deines Sektors gegangen. Unter deinen Stiefeln knirscht der Schrott. Sprödes Gummi, verblichenes Beton, verwittertes Plastik, moosbewachsenes Blech, dazwischen Pilze und Farne, die sich durch den Schutt kämpfen. Zerbrochene dunkle Displays spiegeln sich in der Sonne, die schon recht tief steht. Der Abfall vergangener Jahrhunderte – einst Symbole des Reichtums, Momente des Glücks, Alltagsgegenstände. Mühsam, aber glücklich hast du die Halden erklettert. Nun wird es bald Zeit, zurückzugehen. Nur noch eine Zinne, einen Hügel aus Müll, dann wirst du umkehren.
Zwischendurch hast du sogar fast das Signal verloren. Das passiert sonst nie. Das Okular ist still geblieben, die vertraute Projektion nur sehr schwach sichtbar. Es hat dich nicht beunruhigt. Die neuen Nachrichten haben dich ohnehin nicht interessiert: Die Gladiatorenspiele der Avatare 2517 haben begonnen. Ein Tridimstar hat sich neu verliebt. Die Rohstoffpreise an der intersektoralen Börse sind gestiegen. Langweilig.
Du nimmst einen tiefen Schluck aus dem Wasserschlauch. Du ärgerst dich, dass dein Chocaffin-Röhrchen schon leer ist, ein letzter Energiekick wäre jetzt nicht schlecht. Aber du schaffst es auch so. Schritt für Schritt, entschieden, klimmst du auf den letzten Gipfel.
Die Aussicht übertrifft alles, was du erwartet hast.
Unter dir sieht man klar die Grenze deines Sektors. Dort, wo die Zivilisationswüste aufhört: Dein Sektor, in dem du und die anderen Bewohnern täglich versuchen, den Schrott der menschlichen Geschichte einen neuen Nutzen zuzuführen. Wo ihr nach vergessenen Reichtümern schürft. Wo der Sektor aufhört, beginnt eine seltsam wilde Vegetation, wie du sie noch nie gesehen hast. Mächtige, hochgewachsene Pflanzen verbergen die Erde unter einem Dach von Blättern. Aber da, recht weit in der Ferne, siehst du etwas, das doch zumindest aussieht wie ein menschgemachtes Bauwerk. Eine Kuppel, aus der ein breites Rohr ragt.
Und auf einmal nimmt dein Okular ein starkes, fremdartiges Signal auf. Bilder werden vor deinen Augen projiziert, Bilder, die dich fast überwältigen. Da ist ein alter Mann, der in einer Art Labor steht. Ein junger Mann mit einer komischen Frisur und einem Hammer in der Hand. Ein Feuerball am Himmel. Eine Gruppe von Menschen, jungen Menschen – und einer davon bist du! Es ist so, als ob Jahrhunderte in einem Augenblick an dir vorbeirauschen. Es fällt dir schwer, zu begreifen, in was du hier hineingeraten bist. Eine Anomalie. Ein Erlebnis, von dem du noch nie gehört hast.
Und so schnell wie es anfing, ist es auch wieder vorbei. Benommen drehst du dich um. Du musst den Rückweg antreten. Du willst zurück in die heimische Wohnwabe, in Sicherheit. Aber eins ist dir jetzt schon klar: Du wirst den Freundinnen und Freunden aus den anderen Sektoren davon erzählen. Und dann werdet ihr wieder hierher zurückkommen, vielleicht gemeinsam. Und erkunden, was diese Vision erzeugt hat, und was dahinter steckt.
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