Das Schutzkonzept beschreibt, wie wir auf dem Bundeslager Prävention, Beteiligung und Unterstützung gestalten und wie wir handeln, wenn Menschen Schutz oder Hilfe benötigen.
Wir möchten, dass sich alle Pfadfinder*innen auf dem Bundeslager sicher und wohl fühlen. Deshalb ermutigen wir alle, aufmerksam füreinander zu sein, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und die Grenzen anderer Menschen zu respektieren. Grenzverletzungen können körperlich, verbal oder digital stattfinden. Was für eine Person in Ordnung ist, kann für eine andere verletzend sein. Deshalb nehmen wir die Wahrnehmung der betroffenen Person ernst. Wer eine Grenzverletzung erlebt oder beobachtet, findet Unterstützung und weiß, an wen die Person sich wenden kann.
Risiko- und Potentialanalyse
Die Grundlage unseres Schutzkonzeptes ist eine Risikoanalyse. Dabei haben wir als Team geschaut und euch in unserer Mitgliederzeitschrift „anp“ befragt, in welchen Situationen sich Menschen unwohl oder unsicher fühlen könnten. Besonders Toiletten und Duschen wurden als sensible Orte benannt, an denen Privatsphäre und Schutz wichtig sind. Auch Alkohol, schlecht beleuchtete Bereiche und abgelegene Orte auf dem Lagergelände wurden als mögliche Risiken erkannt. Zudem können Gruppendynamiken dazu führen, dass Menschen ausgegrenzt werden, Gruppendruck entsteht oder Macht missbraucht werden. Auch bestehende Traditionen und Gewohnheiten wurden kritisch überprüft.
Gleichzeitig bringt unsere Gemeinschaft viele Stärken mit. Pfadfinder*innen unterstützen sich gegenseitig, übernehmen Verantwortung füreinander und meistern auch schwierige Situationen gemeinsam. Aus den Erfahrungen des letzten Bundeslagers und den Ergebnissen der Risikoanalyse haben wir vier zentrale Themenfelder für unsere Arbeit entwickelt:
Konflikt
Wo viele Menschen zusammenkommen, entstehen manchmal Streit, Missverständnisse oder Spannungen. Wir unterstützen dabei, Konflikte fair zu lösen und miteinander im Gespräch zu bleiben.
Überforderung
Ein großes Lager kann anstrengend sein. Manche Menschen fühlen sich gestresst, erschöpft oder überfordert. Wir bieten Unterstützung an und schaffen Möglichkeiten, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu sammeln. Egal ob bei nassen Schlafsäcken oder pädagogischen Fragen: Wir wollen der Überforderung begegnen und Unterstützung anbieten.
Queer
Wir möchten, dass sich alle Menschen willkommen und respektiert fühlen – unabhängig von ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung. Wir bieten einen Begegnungsort und Unterstützung für queere Personen und setzen uns für ein diskriminierungsfreies Miteinander ein.
Sexualisierte Gewalt
Grenzachtung spielt bei uns eine wichtige Rolle. Sexualisierte Gewalt kann unabhängig von Alter, Geschlecht oder Rolle jede Person betreffen. Sie hat bei uns keinen Platz. Wir informieren, sensibilisieren und bieten Hilfe an. Betroffene und Beobachtende können sich jederzeit an Vertrauenspersonen oder das Team „achtsam & aktiv“ wenden.
Insbesondere mit Blick auf diese vier Bereiche haben wir vieles unternommen, damit alle ein angenehmes Lager haben (Prävention) und sind vor Ort ansprechbar, falls während des Lagers Unterstützung benötigt wird (Intervention).
Prävention
Präventionsangebote
Durch Workshops, Gesprächsangebote und offene Walk-In-Angebote schaffen wir Räume, in denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene über Themen wie Grenzen, Respekt, Beteiligung, Vielfalt, Macht, Konflikte, Queerness und den Schutz vor sexualisierter Gewalt sprechen können. Diese Angebote helfen dabei, Wissen zu vermitteln, Unsicherheiten abzubauen und Menschen darin zu stärken, für sich selbst und andere einzustehen.
Personalmanagement
Personen über 16 Jahren müssen auf dem Bundeslager ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen und eine Schulung im Bereich sexualisierte Gewalt absolviert haben. Dabei geht es vor allem darum, für das Thema zu sensibilisieren, Ansprechpersonen klarzumachen und die Begriffe zu verstehen. (Teilnahmebedingungen)
Mitglieder des Team „achtsam & aktiv“ bringen die notwendigen Kompetenzen für die Arbeit in diesem Bereich mit und wurden zusätzlich geschult. Es handelt sich um ca. 30 interne feste Personen aus verschiedenen Landesverbänden des VCP. Darüber hinaus kommen noch circa 15 weitere Ansprechpersonen aus den Ländern dazu.
Darüber hinaus werden Personen in sensiblen Bereichen des Bundeslagers (z.B. Hospital), sowie internationale Gäste durch das Team „achtsam & aktiv“ geschult.
Sichtbarkeit
Hilfe soll schnell und einfach erreichbar sein. Deshalb gibt es auf dem Lager einen zentralen Anlaufpunkt von „achtsam & aktiv“ (Begegnungscafe Kassiopeia). Dort finden alle Pfadis Unterstützung bei Fragen, Sorgen, Konflikten oder Unsicherheiten und erhalten Informationen über Hilfsangebote. Die Ansprechpersonen sind während des gesamten Lagers sichtbar und an einem gelben Halstuch zu erkennen. -Es gibt eine allgemeine Erreichbarkeit des Teams unter 05365-979991977.
Beschwerde- und Ansprechstrukturen
Alle Betroffenen, Beobachtenden und Vertrauenspersonen können sich jederzeit an das Team „achtsam & aktiv“ wenden. Hinweise werden ernst genommen, vertraulich behandelt und nach festgelegten Verfahren bearbeitet. Zusätzlich gibt es anonyme Briefkästen für Rückmeldungen und Beschwerden. Über den Lagerrat können sich alle aktiv einbringen und an Entscheidungen mitwirken.
Safer Space
Auf dem Lager gibt es geschützte Rückzugsorte, sogenannte Safer Spaces. Dort können alle zur Ruhe kommen, eine Pause machen oder Unterstützung suchen. Jede Person darf diese Orte ohne Begründung nutzen. Die Nutzung eines Safer Spaces wird respektiert und als wichtiger Teil der persönlichen Fürsorge verstanden.
Vernetzung mit anderen Bereichen
Schutz ist eine Aufgabe des gesamten Bundeslagers. Deshalb reflektieren alle Bereiche ihre Prozesse und Strukturen und Partizipationsmöglichkeiten und kommunizieren klare Ansprechpunkte. (Jurte von achstam und aktiv, mit gelber Fahne gekennzeichnet) Eng arbeitet das „achtsam und aktiv“ vor allem mit dem Team Technik, dem SOS-Team, dem Hospital, der Seelsorge, dem Hajkteam und der Bundeslagerleitung zusammen. Gemeinsam haben wir über Themen wie Prävention, Krisenmanagement, Meldewege, Unterstützungsangebote und die Begleitung von Betroffenen gesprochen.
Intervention
Ansprechpersonen
Für Sorgen, Konflikte, Grenzverletzungen oder belastende Situationen stehen Vertrauenspersonen zur Verfügung. Sie sind gut erkennbar, leicht ansprechbar und haben Kenntnisse zu Gesprächsführung, Prävention und dem Umgang mit Grenzverletzungen sowie sexualisierter Gewalt. Sie sind rund sowohl tags als auch nachts telefonisch zu erreichen
Handlungsleitfaden
Bei Grenzverletzungen, Verdachtsfällen oder Übergriffen handeln wir nicht allein, sondern gemeinsam im Team. Der Schutz betroffener Personen steht dabei immer an erster Stelle. In solchen Situationen wird eine Vertrauensperson oder eine Person aus der Landesleitung hinzugezogen. Für das Vorgehen gibt es einen klaren Handlungsleitfaden.
Vorfälle werden dokumentiert und ausschließlich an die Personen weitergegeben, die für die weitere Bearbeitung notwendig sind.
Kooperation
Eine wichtige Kooperationspartnerin ist die unabhängige Anlaufstelle Dialog Wolfsburg. Die Fachstelle bietet Menschen, die Beratung, Unterstützung oder ein vertrauliches Gespräch wünschen, eine unabhängige Anlaufstelle. Sie berät in Verdachts- und Krisenfällen und unterstützt bei weiteren Schritten. Dadurch erhalten Betroffene und Verantwortliche fachkundige Hilfe.
Nachsorge
Auch nach einem Vorfall endet Schutz nicht. Betroffene erhalten auch nach einem Vorfall Unterstützung und werden über weitere Hilfsangebote informiert.
Gemeinsame Verantwortung
Schutz entsteht durch Aufmerksamkeit, gegenseitigen Respekt, Beteiligung und den Mut, bei Grenzverletzungen hinzusehen und zu handeln. Gemeinsam schaffen wir ein Lager, auf dem sich alle Menschen sicher, respektiert und willkommen fühlen können.
